Du kannst alles erreichen, wenn du wirklich willst?

Eine wohl zentrale Behauptung der „New Age“ Bewegung der letzten Jahre ist es, dass wir alles erreichen können, wenn wir nur wollen. Alles in unserem Leben manifestieren können, was wir uns wünschen, wenn wir unseren Verstand von Glaubenssätzen befreien und unsere Absicht  klar ist.

Ob das tatsächlich möglich ist oder nicht, ist nicht zu beweisen. Leicht hingegen ist zu beweisen, dass Menschen Millionen verdienen am Verteilen dieser Nachricht. Die interessantere Frage ist allerdings, ob es für uns Menschen ein so relevantes Thema ist wie uns suggeriert wird.

Denk an eine Reihe von Wünschen, die du hattest und die sich erfüllt haben. Einige von ihnen waren ein Segen, andere ein Fluch. Vieles war dann doch anders als erwartet und möglicherweise gab es auch Momente, in denen du einen erfüllten Wunsch am liebsten rückgängig gemacht hättest.

Wenden wir uns den nicht erfüllten Wünschen zu. Wie oft hast du nicht das bekommen, was du bestellt hast und es erwies sich am Ende als wunderbare Fügung? Wie oft war das, was du anstelle deines Wunschpaketes bekommen hast, etwas, das dein Leben bereichert und dich als Mensch weitergebracht hat?

Ich wage zu behaupten, dass es nicht relevant ist, ob wir das bekommen, was wir wollen. Und ich gehe noch weiter und sage, dass wir selten bereit sind, viel  für die Verwirklichung unserer Wünsche zu tun.

Nehmen wir an, ich möchte Schriftstellerin werden. Ich arbeite Vollzeit als Industriekauffrau, habe einen Hund und muss auch noch nach meiner Mutter schauen, die nicht mehr ganz fit ist. Am Wochenende schreibe ich manchmal, aber meistens bin ich zu müde. Die Abende verbringe ich mit meinem Freund vorm Fernseher. Schriftstellerin wäre mein Traumberuf.

Oder: Ich möchte Schriftstellerin werden. Ich habe meine Stelle auf 30 Stunden heruntergeschraubt und muss mich seither bei meinen Ausgaben ziemlich einschränken. Während ich mit meinem Hund spazieren gehe, überlege ich mir die Handlung meiner nächsten Kurzgeschichte. Fernsehen behalte ich mir einen Abend in der Woche vor, an den restlichen Abenden lese ich all die Bücher, die ich immer schon lesen wollte. Die Geschichten, die ich am Wochenende schreibe, lese ich meiner Mutter vor. Ich treffe mich alle zwei Monate mit anderen Menschen, die gerne schreiben. Wir ermutigen uns gegenseitig, am Ball zu bleiben.

Wenige Menschen schreiben Bücher, noch viel weniger werden berühmte Schriftsteller. Woran das liegt? An einem komplexen Zusammenspiel von unzähligen Faktoren, von denen nur einige wenige an uns selbst liegen.

Der freie Wille, den wir dennoch zu besitzen scheinen, zeigt sich darin, dass wir Dinge wollen, egal ob wir sie bekommen oder nicht. Dass wir darauf zugehen, in Handlungen zeigen, was wir wollen und uns nicht leicht davon abbringen lassen. Er zeigt sich in Flexibilität im versuchten Erreichen des Ziels und in der Freiheit, uns einen Teil des Kuchens zu nehmen, auch wenn er uns nicht serviert wird.

Im Falle des Schreibens kann es sein, dass niemand lesen will, was ich schreibe, aber dass mir das Leben auch noch das Blatt Papier und den Bleistift wegnimmt, ist unwahrscheinlicher. Und auch dann gibt es immer noch Wege, meinen Willen zu schreiben, auszudrücken. Nicht das zu tun, was wir gerne tun würden, entschuldigen wir sehr oft mit tollen Ausreden. Fast immer sind wir nur nicht bereit, andere Dinge fallenzulassen, Mühen auf uns zu nehmen oder Unangenehmes zu konfrontieren.

Wie oft wollen wir etwas und stehen vor verschlossenen Türen? Hämmern darauf ein, setzen uns davor und heulen, hassen die anderen, die einfach durchzuschreiten scheinen? Beschweren uns darüber, dass ausgerechnet bei uns immer wieder die Türen versperrt werden?

Wir könnten auch den Blick heben, uns auf die Zehenspitzen stellen und durchs Fenster einen Blick auf das Grün draußen erhaschen. Wir könnten mit Liegestützen beginnen, weniger essen und uns irgendwann hinauf hieven und durchs Fenster klettern. Auf der anderen Seite hinunterkugeln ins weiche Gras und losmarschieren ins nächste unmöglich erscheinende Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

 

 

 

Die, die nie aufgeben

Ich habe voriges Jahr einen exzellenten Filmdrehbuchworkshop besucht, in dem der Dozent das Geheimnis eines guten Drehbuches verriet. Der Held muss leiden und dann noch mehr leiden und dann noch etwas mehr. Natürlich muss er oder sie auch eine Person sein, die Schwächen hat sowie jeder von uns, damit wir uns mit ihr identifizieren können. Durch das Leiden, die Prüfungen, durch die die Person durchgeht, wächst sie am Ende, obwohl es zwischendurch gar nicht so aussehen mag.

Es gibt die Superhero Filme mit den Helden, die nie aufgeben. Sie werden erniedrigt, verletzt und gedemütigt, aber sie geben in keinem Moment auf. Wir lieben diese Filme, weil wir auch so sein möchten und manche Menschen sind auch so. Sie gehen durch Krankheiten, Schicksalsschläge und harte Zeiten mit Stärke und Mut durch, wodurch sie zur Hoffnung für viele andere werden.

In einer Gesellschaft, in der durchschnittlich sein eine Beleidigung ist, wären wir natürlich gerne alle so. Nur ist es mathematisch einfach erklärt, dass wir uns nicht alle über dem Durchschnitt bewegen können. Genauso wenig wie wir alle zu denen gehören können, die nie aufgeben.

Doch zurück zu den Filmen. Neben den Superheldenfilmen gibt es auch die mit den Durchschnittsmenschen. Die werden natürlich auch vom Drehbuchautor gequält. Sie verlieren ihren Job,werden vom Partner betrogen und landen dann auch noch auf der Straße. Sie werden krank, habe keine Versicherung und sind schon seit Jahren Single.

Diese Menschen vermüllen ihre Wohnung in schlimmen Phasen, saufen sich durch die Kneipen der Nachbarschaft und lassen ihren Frust an ihren Mitmenschen aus. Sie geben auf, zumindest eine Zeit lang, lassen sich gehen, wiederholen ihre Fehler und kommen dann letztendlich doch irgendwie weiter. Meistens bekommen sie auch Hilfe von außen, ein wichtiges Detail, das wir oft übersehen. Mir fällt kein Film ein, in dem der Protagonist es komplett alleine zum Ende des Tunnels schafft.

Mein Blogpost ist also ein Plädoyer an den Durchschnittsmensch und seine menschliche Art zu lernen. Wenn du ein Mensch bist, der nie aufgibt, ziehe ich meinen Hut vor dir. Hör nicht damit auf, die Menschen um dich herum zu inspirieren.

Wenn du jedoch ein Durchschnittsmensch bist, der zwischendurch in Löcher fällt, ohne wie Spiderman sofort aus dem Stand herauszuspringen: Krabbel aus deinem Loch mit der Geschwindigkeit, in der es dir möglich ist und hör nicht damit auf, dadurch die Menschen um dich herum zu inspirieren.

Dich sicher fühlen

Vor Jahren hörte ich den Ausdruck „safe person“ zum ersten Mal. Eine Freundin fragte mich, ob mein damaliger Partner eine „sichere Person“ sei. Sie meinte damit, ob ich mit ihm sein konnte, wer ich war. Ob er da war, auch wenn es schwierig wurde, sich auf Konflikte einlassen konnte, oder ob er mit Distanz, Aggression oder weggehen reagierte. Ob er bereit war, notwendige Kompromisse einzugehen, sich auch verletzlich zeigen konnte und ob ich mich bei ihm zu Hause fühlte.

Ich hatte damals nicht viel Erfahrungen mit „sicheren Beziehungen“ und große Zweifel darüber, ob ich wohl eine sichere Person für die mir wichtigen Menschen war, aber das Ansprechen dieses Themas weckte eine Sehnsucht in mir. Ich erinnerte mich an einen Kinderfilm, in dem die kleinen Monster immer auf einem Haufen schliefen. Wegen dem Wohlgefühl, dem  sich zu Hause fühlen. So stellte ich mir intime Beziehungen, enge Freundschaften und Familienleben vor.

Die Monster können zwar verschiedener Meinung sein, auch mal zornig werden, aber gehen respektvoll miteinander um, drohen nicht, das Nest zu verlassen und schlafen nach einem nicht so optimal verlaufenen Tag wieder auf einem Haufen.

Es scheint, dass ich nicht die Einzige war, die wenig Erfahrung mit dieser Art von Beziehung gemacht hatte. Viel normaler sind Beziehungen zwischen Menschen, die von Furcht bestimmt sind. „Ich will mit dir reden“ treibt vielen Männern die Angstperlen auf die Stirn, weil sie erahnen, dass es jetzt Vorwürfe und Forderungen hageln wird.

Was wäre aber, wenn dieses „Können wir reden?‘“ der Vorbote eines interessanten Gespräches wäre, in dem jeder mehr über den anderen erfahren würde?

Wir alle haben das tiefe Bedürfnis, gehört, gesehen und letztendlich verstanden zu werden. Wann immer wir den Eindruck gewinnen, von unserem Gegenüber verstanden zu werden, entspannt sich etwas in uns, lockert sich der Panzer, den wir aus Schutz vor Verletzungen immer mit uns tragen. Genauso wie wir die Schrauben eben dieses Panzers in Sekundenbruchteilen anziehen, wenn wir uns verurteilt fühlen, oder unser Gegenüber signalisiert, uns in keinster Weise verstehen zu können.

Wir bewegen uns also auf sehr dünnem Eis. Damit diese zerbrechliche Eisschicht mit der Zeit so dick wird, dass ein Lastwagen drüberfahren kann, ohne einzubrechen, braucht es Handwerkszeug. Ohne zu lernen, dem Anderen zuzuhören, ihn anzunehmen mit all seinen Gedanken und Empfindungen, und ihm dieses Annehmen auch zu spiegeln, bleibt das Eis dünn und unsicher. Ohne den Mut, solche Gespräche zu initiieren, fällt dauernd jemand ins Wasser, beschuldigt den anderen und rennt irgendwo hin, wo er alleine vor dem Ofen sitzen kann.

 

Meine Schwester Alexandra hat mich vor kurzem auf eine Paartherapie aufmerksam gemacht, die mehr ist als Therapie. Es ist mehr eine Methode, die Menschen beibringt, miteinander zu reden. Ich poste euch hier ein Interview mit den Gründern. Sie geben in diesem Interview eine einfache Anleitung dafür, wie zwei Menschen sich durch Reden nahe kommen können.

Das Gespräch ist in englischer Sprache geführt. Wenn du das nicht verstehen kannst, es aber für wichtig hältst, dann schreib mir bitte und ich werde die Schritte in meinem nächsten Artikel beschreiben. Ich habe das Gespräch nach Anleitung ausprobiert und bin begeistert davon. Ich rate, es genau so auszuprobieren, wie es beschrieben wird. Wirkt beinah wie ein Weihnachtswunder.

http://www.youtube.com/watch?time_continue=9&v=8133Tf1CAHQ

Deinen Schatten umarmen

lisa und leela 2

 

Wir leben in einer Zeit, in der sich alles so schnell verändert, dass uns manchmal der Atem stockt.

Veränderung ist gut. Wir sollen uns auch ständig verändern, leistungsfähiger, und auch persönlich kompetenter werden.

Doch was passiert mit den Dingen in uns, die langsam sind? Die, die resistent gegen Veränderung zu sein scheinen? Was passiert mit den alten Verletzungen, mit den Teilen in uns, die sich nur langsam entwickeln, die hintenbleiben?

 

Wir wissen so viel, und doch hinken wir persönlich mit so vielem hinten nach. Wie gehen wir damit um?

 

Ich spreche hier für unsere unerwünschten Seelenanteile. Sowie wir uns um die Alten und Schwachen in unserer Gesellschaft kümmern sollten, braucht auch das Schwache, Alte, Junge, nicht Leistungsfähige in uns Aufmerksamkeit. All das in uns, das nicht unseren eigenen Anforderungen und denen der Anderen entspricht.

 

Wir brauchen ein liebevolles Erforschen unserer Seele. Ein Annehmen des Unannehmbaren. Ein Zuwenden zu dem Teil, den wir automatisch ablehnen, und der oft von Anderen abgelehnt wird.

 

Was ist es in dir, dass du schwer annehmen kannst? Dass du gerne anders hättest? Wo du nicht genügst, dich nur sehr langsam entwickelst?

 

Nein warte, zuerst:

  • Ein leichtes Lächeln in den Augen – probier das in diesem Moment aus: Bring das Lächeln in die Augen und spür es. Beschreibe mit diesem Lächeln eine deiner Schattenseiten
  • Das bringt uns zur Grundhaltung: Urteilsfrei, liebevoll, ehrlich
  • Wie spürt sich diese Seite an dir im Körper an? Atme, spür den Körper, lass das Unerwünschte da sein.

Deinen Schatten umarmen ist das, was ich dir ans Herz lege. Du kannst es auf viele verschiedene Arten machen, vertrau ganz deiner Intuition. Hol dir Hilfe, wenn es dir besonders schwer fällt. Dein Schatten  wartet schon lange darauf, dass er gesehen und angenommen wird. Vielleicht transformiert er sich dann sogar. Das liegt aber an ihm, und nicht an dir.

Sei nicht so sensibel

mein esel

Es gibt immer wieder Menschen, die zu mir kommen, weil sie lernen wollen, nicht so sensibel zu sein. Ich sage ihnen dann, dass das so ist, als ob ein Schmetterling zu mir komme, und an sich arbeiten wolle, um sich in einen Elefanten zu verwandeln. Das geht eben leider nicht.

Woher kommt dieser Wunsch, ein Elefant zu sein? Eines  dieser unsagbar schönen, großen Tiere, die eine dicke Haut und ein großartiges Gedächtnis haben? Und warum ist Schmetterlingsein keine so gute Idee?

In unserer Gesellschaft wird das Starke, Laute, Große sehr geschätzt. Wir sollen viel aushalten. Belastbarkeit ist sehr gefragt. Sie ist notwendig, damit die Räder weiterlaufen.

Empfindsamkeit ist in der Liste der erwünschten Eigenschaften eher unten zu finden. Zu wissen, wie es Anderen geht, ohne sie gefragt zu haben, sehr viele Informationen aus einer Situation herauszufiltern, Details bemerken, sorgfältig arbeiten, ethische Denkweise  – alles Attribute von besonders empfindsamen Menschen- werden oft nicht als wertvoll erkannt, obwohl sie  in vielen Lebens- und Arbeitssituationen von sehr hohem Wert sind. Besonders Führungskräfte und ihre Mitarbeiter profitieren davon.

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron hat den Begriff „Hochsensibilität“ geprägt. Sie meint, dass ungefähr 20 Prozent der Menschen, aber genauso viele der Hunde, Affen, Katzen etc. besonders sensibel sind. Das kann man sich so vorstellen, dass die Antennen dieser Lebewesen sehr fein eingestellt sind, und daher besonders viele Eindrücke aufnehmen können.

Das hat den Vorteil, schnell zu wissen wie es Anderen geht, sich tief vom Leben berühren zu lassen, offen zu sein für die schönen Dinge des Lebens, für Kunst und Natur, und vieles mehr. Natürlich gibt es auch die Kehrseite der Medaille. Zu viele Eindrücke können das Nervensystem überfordern, starke Kritik und Konflikte irritieren sehr stark, und ein Leben ohne Ruhepausen, sowie ein sinnentleertes Berufsleben  werden schneller zum bekannten Burn-out führen als bei einer nicht so sehr sensiblen Person.

Die Welt braucht sehr sensible und nicht so sensible Menschen. Wahrscheinlich ist auch die Verteilung, nämlich dass nicht so viele Menschen ganz arg sensibel sind, gut. Die, die allerdings so gestrickt sind, verdienen es, wahrgenommen und respektiert zu werden. Sie brauchen eine Menge Verständnis für sich selbst, Zeit, um sich kennenzulernen, und werden nicht darum herumkommen, ihr Leben an diese Empfindsamkeit anzupassen – in der Auswahl der Personen, mit denen sie sich umgeben, in der Berufswahl, Wohnsituation, und der Gestaltung des täglichen Lebens.

Wenn du dich jetzt fragst, ob du vielleicht zu den sehr Sensiblen gehörst, oder vielleicht eines deiner Kinder, oder dein Partner, dann gibt es einen einfachen Test, um der Sensibilität auf die Spur zukommen. Der Test ist nur eine Annäherung. Wir reden nämlich von einer Charaktereigenschaft, von der letztlich jeder selbst entscheidet, ob er sich damit identifiziert oder nicht.

Hier ein Test zum Downloaden:

http://www.psychologie-heute.de/fileadmin/fm-dam/04_Downloads/frei/Wie_sensibel_sind_Sie.pdf

Ich bin echt wütend

faust (1)

Wann warst du das letzte Mal so richtig wütend und hast auf eine Art gehandelt, die sich richtig gut angefühlt hat?

Darum geht es nämlich beim Thema Wut. Eine Handlungsweise zu finden, die etwas zum Besseren wendet. Eine Situation, eine innere Befindlichkeit, eine Sichtweise.

Wenn Wut unterdrückt wird, ist das wie ein Kelomat. Fest den Deckel drauf, drinnen wird alles immer heisser, bis Dampf abgelassen werden muss, was oft gut, manchmal aber weniger konstruktiv ist.

Unterdrückte Wut schwelt dahin, und wartet nur darauf, bis es einen Grund gibt, dass sie endlich losspucken darf. Sie wartet auf irgendeinen blöden Kommentar, oder ein Ereignis, das den Ausbruch rechtfertigt. Wenn sonst nichts und niemand da ist, dann wenigstens ein unfähiger Autofahrer, da versteht doch jeder die Schimpfattacke.

Schlimmer als unterdrückte Wut, die unproportional rauskommt, ist die Wut, die auch dann noch drinnenbleibt, wenn alles gesünder wäre als den Ärger weiter in sich hineinzufressen.  Das passiert dann, wenn die Selbstkontrolle fast übermenschliche Ausmaße annimmt. Man „implodiert“ dann, ist deprimiert und blass, oder fühlt sich schuldig, wo Andere krebsrot und laut werden. Man schaut sich dann zur Draufgabe ein buddhistisches Video an, um noch ruhiger und deprimierter zu werden.

Somit gibt es keine einheitliche Lösung für den Umgang mit Wut. Menschen, die dazu neigen, deprimiert zu sein, brauchen manchmal einen Blasbalg, um eine bisschen Wind in die Glut zu bringen. Ein bissl Wut tut gut, egal ob sie den strengen ethischen Massstäben gerecht wird oder nicht. Ganz stark atmen, und die Wut im ganzen Körper verteilen lassen, bis er sich lebendig und kräftig anfühlt, und dann handeln, wäre hier die Devise.

Anders bei den wandelnden Pulverfässern – da geht es mehr darum, ein bisschen Feuer wegzunehmen.  Atmen und zulassen, dass sich die Wut im Körper verteilt, ist allerdings auch hier ein heißer Tipp. Solange ruhig atmen und Wut im Körper verteilen, bis sie warm statt heiß ist, die Ohnmacht weniger und die Rechthaberei leiser werden, und der Handlungspielraum klarer ist.

Dann wird die Wut wieder zu dem, was sie eigentlich ist – ein Motor für Veränderung,  die Beschützerin unserer Grenzen und Werte, eine Wegweiserin und Facette von Lebendigkeit.

 

Achtung: Dieser Artikel kann zu momentaner Wutentladung oder auch dem Gegenteil führen, und kann von mutigen Menschen immer wieder mal gelesen werden.

 

Ich will den Erdapfel aber nicht

couch-potatoes-3127025_640

Es gibt Situationen, die sind ganz einfach schwierig. Krankheit, Geldmangel, Beziehungsprobleme, unhaltbare Zustände am Arbeitsplatz – um nur einige der unzähligen dieser Art aufzuzählen.

Manche erfordern den Mut, wegzugehen, auch wenn das bedeutet, Unsicherheit und schmerzhafte Momente in Kauf zu nehmen. Dann bleiben aber immer noch die Situationen, in denen wir nicht weggehen können oder wollen.

Oft verharren wir dann, machen irgendwie weiter, und weigern uns aber trotzdem sie zu akzpeptieren. Dann verschlingt die Situation Unmengen unserer Aufmerksamkeit und Energie.

Wir können uns das so vorstellen, wie wenn wir eine heisse Kartoffel – für meine österreichischen Freunde natürlich Erdapfel – in der Hand halten, und sehr hungrig sind. Wir schmeissen den Erdapfel (ist doch ein schönes Wort)  von einer Hand zur anderen, wollen ihn nicht loswerden, weil wir hungrig sind, aber dann doch unbedingt, weil er so heiß ist, dass wir uns die Hände verbrennen. Wenn wir einfach so weitermachen, kühlt  der Erdapfel irgendwann von selbst ab, aber wir haben viel Zeit vertan, und beschweren uns über unsere verbrannten Hände, und genießen den Erdapfel nicht, nachdem wir solange dafür kämpfen mussten, und uns dabei auch noch verletzt haben.

Da gibt es aber noch einen anderen Weg.

Wir werden ruhig, ja ganz ruhig, und noch ein bisschen ruhiger. Wir hören auf gegen den Schmerz in den Händen zu kämpfen, und bemerken, dass er uns nicht umbringt. Dieses ruhig werden, ganz egal wie schwierig, wie schmerzhaft, wie unmöglich die Situation in diesem Moment erscheinen mag, ist der Moment, in dem sich etwas zu verändern beginnt. Es ist die Abwesenheit von Beschwerde, von Beschuldigung, ein Annehmen des Unannehmbaren, das etwas in Bewegung bringt. Etwas Leises, Unauffälliges, Zartes, in uns. Die Situation weiß in diesem Moment noch nichts von der Veränderung, aber sie hat gerade jetzt begonnen.

Wir legen den Erdapfel ab, und warten, bis er auskühlt. Wir können blasen, dass es schneller geht, oder einfach da sitzen, noch ein bisschen ruhiger werden, um zu bemerken, ob es noch etwas Besseres zu tun gibt, oder ob der Zeitpunkt, um etwas zu tun, noch nicht gekommen ist.

Vielleicht sagst du jetzt, eine Krankheit, arbeitslos zu sein, einen Partner verloren zu haben, oder einen unerträglichen Chef zu haben, ist kein Erdapfel. Ich habe den Erdapfel gefragt, und er hat geantwortet, dass manche heißer, manche größer, und manche auch noch so gemein sind, auseinanderzufallen, während man sie hin und herwirft, aber sie seien alle Erdäpfel.

Also vielleicht doch ruhig werden, atmen, den Körper spüren, den Boden unter den Füssen, noch ein bisschen ruhiger werden, und dann den Erdäpfel hinlegen und betrachten.

Selbstrespekt

12074870_10208088486357809_9166569059647848451_n

Es gibt Menschen, denen geht das Wort „Selbstliebe“ irgendwie schlecht den Hals runter. Vielleicht liegt das nicht an der mangelnden Selbstliebe, sondern am geschundenen Wort „Liebe“, das so abgelutscht und missbraucht ist, dass seine eigentliche tiefe Bedeutung oft schwer empfunden werden kann, wenn man nur das Wort hört, anstatt seine Auswirkungen zu spüren.

„Selbstrespekt“ ist noch unverbraucht, und deshalb sehr geeignet, den Weg zu öffnen, um einen neuen Zugang zu sich selbst zu finden. Einen, der nicht zwischen überzogenen Forderungen, Kritikwahn, und Selbstmitleid schwankt, sondern die Möglichkeit schafft, sich selbst und somit der Welt auf Augenhöhe zu begegnen.

Workshop in Arbeit 😊

Wie eine schöne Frage ein Leben verändern kann

muerz

Meine ältere Tochter lebt seit einem Jahr im tiefsten Bayern. Manchmal, wenn die Wirklichkeit der Menschen um sie herum zu stark wird, und ihre eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit ganz klein, weiss ich nicht, was ich sagen soll.

 

Denn ich habe den Grossteil meines Lebens in einer österreichischen Kleinstadt verbracht. Alle um mich herum schienen zufrieden zu sein an diesem Ort, der zwischen den Bergen eingeklemmt war, so dass er kaum atmenkonnte.  Das bemerkt aber niemand ausser mir, oder vielleicht bemerkten es einige, aber ihre Lungen waren so stark, dass sie trotzdem frei atmen konnten. Meine schienen in sich zusammenzufallen. Vielleicht taten sie das auch nur deshalb, weil mich die Tatsache, dass meine Wahrnehmung so anders, so einsam war, so sehr bedrückte.

 

Nach vielen Jahren des Ringens mit mir und meiner Unfähigkeit, ihn zu lieben, spuckte mich der Ort eines Tages aus und meinte, ich sollte woanders hingehen und besser nicht zurückkehren.

 

Ich ging nach Barcelona und begann mich zu erholen, von der bedrückenden Einsamkeit des Andersseins, inmitten einer mir riesengross erscheinenden Stadt, in der alle anders waren. Da fiel ich nicht auf.

 

Langsam begann ich, meine Flügel auszubreiten, wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling. Fliegen traute ich mich noch lange nicht.

 

Manchmal denke ich an meinen verwunschenen Kindheitsort. Nicht nur, weil meine wunderbare jüngere Tochter immer noch dort lebt. Nicht nur, wenn ich mit meinen Eltern telefoniere, die anscheinend starke Lungen besitzen. Sondern auch dann, wenn ich mich frage, ob diese Geschichte, meine Geschichte mit diesem Ort, auch anders verlaufen hätte können.

 

Vielleicht wenn ich meine Zartheit erkannt und anerkannt hätte. Die Empfindsamkeit, mit der ich all die Eigenheiten dieses Ortes und seiner Menschen in mich aufsog. Vielleicht wenn ich mich gern gehabt hätte  in meiner Andersartigkeit, und den Mut gehabt hätte, meinen Neigungen, und dem was ich schön fand, nachzugehen. Jeden Tag.

 

In dieser neuen Variante meiner Geschichte beobachte ich mich dabei, wie ich den  Blick abwende von der Enge und der Hässlichkeit, die mich so unbarmherzig zu hypnotisieren versuchen,  und mich dem Schönen zuwende, dem, das mein Herz erfreut. Da steigen sie in meiner Erinnerung auf, meine Verbündeten – die Aulandschaft, der Buchenwald, der Frühlingsduft, und die Züge, die in die nahegelegenen Städte führen.

 

Ich tauche ein in die Erinnerung und sehe, wie ich mich leiten  lasse von der Frage „Wie kann ich jeden Tag mit Freude leben“ und stelle erstaunt fest, dass sie mich mit Menschen verbindet, mit denjenigen, die seltsame Gedanken und Gefühle haben und voller Fragen sind, so wie ich. Ich sehe wie die Personen, die auf alles Antworten haben, weniger wichtig werden, mit der Landschaft verschmelzen und mich weniger stören.

 

Wahrscheinlich wäre der Ort für mich und meine Frage irgendwann einmal zu klein geworden, weil es dort draussen noch mehr Fragen gab, die auf mich warteten.

 

Das Ergebnis wäre wahrscheinlich dasselbe gewesen. Der Ort hätte mich möglicherweise nicht ausspucken müssen. Ich hätte mich, Hand in Hand mit meiner Frage, freudig an seiner Zunge abgestossen und wäre hinausgesprungen in die weite Welt. Vielleicht sogar 20 Jahre früher. Aber das Ergebnis ist nunmal nicht das, was zählt. Genauso wenig wie der Ort. Und die Vergangenheit.

 

Was zählt ist, dass ich die Frage gefunden habe. Oder sie mich. Erst später, an einem anderen Ort. Wir haben uns beide sehr, sehr lange gesucht. Sie ist jetzt schon eine Weile bei mir und ich hätte gerne, dass sie noch länger bleibt.  Weil sie mein Leben bunt werden lässt und mich glücklich macht.

 

Ich werde sie jedoch nicht festhalten. Sie reist sehr gern und bleibt nicht gerne zu lange bei einem Menschen. Ich bin gespannt, auf welche Suche ich mich dann begeben werde. Und auch darauf, wohin die Reise der schönen Frage gehen wird.  Sie hat einmal erwähnt, dass sie das tiefe Bayern interessant findet, sehr interessant sogar.