Hochsensibel in einer pulsierenden Stadt

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Ich arbeite seit vielen Jahren mit Menschen und helfe Ihnen dabei, das Leben mit Freude zu leben, die Freude wiederzufinden oder sie nicht zu verlieren – je nach Lebenssituation.

Barcelona, meine geliebte, bunte Stadt hat viel zur Beibehaltung meiner eigenen Lebensfreude beigetragen. Vor elf Jahren kam ich von einer österreichischen Kleinstadt direkt ins Zentrum von Barcelona.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, was es bedeutete, das erste Mal mit dem Fahrrad die Calle Balmes hinunterzufahren. Abgesehen von der Todesangst, die ich ausstand, waren meine sensiblen Ohren der Geräuschkulisse kaum gewachsen.

Mir kam es auch lange so vor, als ob hier alle Menschen schreien würden, sobald mehr als zrei von ihnen versammelt waren.

Der Lärmpegel, der Rythmus der Stadt und die abertausenden visuellen Eindrücke brachten mich manchmal an der Grenze meiner Belastbarkeit, obwohl ich die Stadt eigentlich unglaublich erfrischend, bunt und lebendig fand.

Vor drei Jahren stolperte ich über den Begriff “Hochsensibilität”, der von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron geprägt wurde. In ihrer Beschreibung der Menschen, die sie als “hochsensibel” bezeichnet, fand ich mich, meine Töchter und 80% meiner KlientInnen wieder.

Hohe Empfindsamkeit gegenüber starkem Licht, eindringlichen Gerüchen und lauten Geräuschen sind einige der von der Psychologin beschriebenen Eigenschaften von hochsensiblen Menschen.  Empathie, ein reiches Innenleben und die Vorliebe für Schönes, Natur und Kunst sind weitere Indizien für eine mögliche Hochsensibilität.  Laut Elaine Aron´s Forschung besitzen ungefähr 20% der Menschen, aber auch derselbe Prozentsatz anderer Lebewesen, diese Veranlagung,

Die Hündin meiner Tochter scheint die Bestätigung dieser Theorie zu sein. Die Dinge, die von ihr verlangt werden, versteht sie, bevor sie ausgesprochen werden und sie reagiert sofort darauf. Auf irgendeine Weise grob mit ihr umzugehen käme niemandem in den Sinn, weil sie klar zum Ausdruck bringt, dass sie damit nicht umgehen könnte.

Mit dieser für mich so neuen Information konnte ich viele Verhaltensweisen meiner KlientInnen, Töchter, FreundInnen – und nicht zuletzt auch meine eigenen – besser verstehen.

Mit einem Schlag war mir klar, warum ich immer die Erste war, die aus den belebten Bars flüchtete, obwohl es dort lustig war, warum ich immer in einer Wohnung neben einem Park gewohnt habe, und warum ich in der Natur und beim Singen aufblühte, ohne genau erklären zu können, warum eigentlich. Und auch dass ich mir manche Dinge mehr zu Herzen nahm als andere Menschen, erschien mir jetzt nicht mehr so seltsam.

In den letzten drei Jahren habe ich zu verstehen gelernt, dass Hochsensibilität ein Geschenk sein kann, wenn man lernt, damit umzugehen.

Barcelona ist ein wunderbarer Ort, auch für sehr sensible Menschen. Es gibt das “Bicing”, mit dem sich die überfüllte U-Bahn weitgehend vermeiden lässt. Naherholungsgebiete wie die “Collserola” machen es möglich, der Sinnesüberlastung der Großstadt auch ohne Auto zu entkommen. Und dann ist da ja noch das Meer gleich nebenan, um uns auf seine beruhigende Art daran zu erinnern, dass man an einem Ort wohnt, an dem andere nur Urlaub machen dürfen.

Seit einigen Jahren öffnen auch immer mehr Cafés, die zum Lesen oder einfach zum ruhigen Verweilen einladen.

Diese Oasen machen mich glücklich. Sie halten die Zeit an, und mit ihr den Stress, den Lärm, und all das, das manchmal zuviel werden kann.

Und da sitze ich dann und freue mich über die relative Stille, wenn auch nur für eine halbe Stunde. Dann bin ich wieder bereit, in den dichten Sinnesbombardierungsdschungel dort draussen einzutauchen.

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Die Menschen hier neigen doch wirklich zum Schreien, sobald sich mehr als zwei von ihnen auf einem Fleck befinden, oder?

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