Erzwungenes Innehalten fühlt sich nicht gut an

 

Viele sprechen von „erzwungenem Innehalten.“ Wir haben es uns nicht ausgesucht, alleine oder mit unserer Familie, zu Hause zu sitzen, nicht zu arbeiten oder von daheim aus. Wir mögen es nicht, dem ausgeliefert zu sein was in unserer unmittelbaren Nähe passiert. Entweder gar nichts – Stille, die in Leere zu kippen droht – oder aufoktroyierte Nähe, die sich im Handumdrehen in Distanz verwandelt, obwohl oder gerade weil wir uns körperlich so nahe sein müssen.

Wir mögen es nicht, wenn wir nicht selbst bestimmen können, wann etwas beginnt, wann es aufhört und vor allem was stattfindet in unserem Leben. Wir weigern uns anzuerkennen, dass wir selten etwas wirklich in der Hand haben und dass es meistens die unvorhergesehenen, unerwünschten Dinge in unserem Leben waren, die uns gezwungen haben, unseren Handlungsspielraum zu erweitern, unsere Sichtweise zu hinterfragen, unseren Hintern, der vorher so bequem am Sofa saß, hochzukriegen und etwas zu tun, das wir einen Tag zuvor noch weit von uns gewiesen hätten.

„Krise als Chance“ hat doch immer schon bescheuert geklungen und wenn überhaupt, dann immer nur für die anderen funktioniert.

Der Moment ist unangenehm und wird sich womöglich ausdehnen. Er macht sich breit, richtet sich ein, damit auch die eine Chance haben, ihn zu erleben, die richtig gut sind im Wegschauen, im so tun als ob nichts wäre, im Durchhalten, im Davonlaufen, im Ablenken.

So sehr wir auch in den letzten Jahrzehnten versucht haben, alles auszublenden, was uns Grenzen gesetzt, alles loszuwerden, was uns limitiert hätte, weil wir uns so im Recht fühlten, alles erreichen zu können:   Die Welt ist dennoch ein Ort mit limitierten Ressourcen und ein kleines menschliches Leben ein Dasein mit begrenzten Möglichkeiten, das jederzeit hinweggefegt werden kann wie Brotkrümel mit einem Lappen vom Tisch.

Besonders meine Generation ignoriert diesen Tatbestand immer noch hartnäckig. Wir weigern uns erwachsen zu werden, Verantwortung zu übernehmen, uns einzuschränken, Grenzen zu akzeptieren und innerhalb dieser all unsere Kreativität einzusetzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Einem, der auch nach unserem Abdanken ein lebenswerter sein wird. Wir hören nicht auf, Dingen nachzurennen, die wir nie gebraucht haben – dem dicken Auto, der dünnen Kollegin, der Anerkennung der schon verstorbenen Eltern, dem eigenen Schulter klopfen, weil wir wieder einmal vor uns selbst gut dastehen wollen.

Wir spüren nicht mehr, was wir wirklich brauchen. Wir rennen weiter, weil wir Angst davor haben, zu bemerken, dass das was wir wirklich nötig haben – Nähe, Ehrlichkeit, Ruhe oder den Apfelbaum auf der Terrasse abzustützen bevor er umfällt – so weit weg ist von dem, was wir jeden Tag erleben.

Die aufgezwungene Ruhe ist gnädig und gnadenlos zugleich. Konfrontiert uns mit dem, was wir immer vermeiden. Dauert lange genug, um uns die Chance zu geben, zu spüren statt zu rennen und einen tollen Eindruck zu machen.

Sie lädt uns ein, tief einzuatmen und uns hinunter zu wagen bis zum Meeresboden.  Dort den Atem anhalten, noch ein bisschen länger. Die Stille, die Kälte, die Einsamkeit aushalten. Am Grund sitzenbleiben und die Augen weit aufmachen. Das sehen, was wesentlich ist. Noch ein bisschen länger verharren, auch wenn es ungemütlich wird und der Drang, einzuatmen, fast unerträglich. Dann erst abstoßen und zurückzukehren an die Oberfläche und schwimmen, ohne Badehaube und nackt, ganz nackt.

 

 

 

 

 

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