Wie eine schöne Frage ein Leben verändern kann

muerz

Meine ältere Tochter lebt seit einem Jahr im tiefsten Bayern. Manchmal, wenn die Wirklichkeit der Menschen um sie herum zu stark wird, und ihre eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit ganz klein, weiss ich nicht, was ich sagen soll.

 

Denn ich habe den Grossteil meines Lebens in einer österreichischen Kleinstadt verbracht. Alle um mich herum schienen zufrieden zu sein an diesem Ort, der zwischen den Bergen eingeklemmt war, so dass er kaum atmenkonnte.  Das bemerkt aber niemand ausser mir, oder vielleicht bemerkten es einige, aber ihre Lungen waren so stark, dass sie trotzdem frei atmen konnten. Meine schienen in sich zusammenzufallen. Vielleicht taten sie das auch nur deshalb, weil mich die Tatsache, dass meine Wahrnehmung so anders, so einsam war, so sehr bedrückte.

 

Nach vielen Jahren des Ringens mit mir und meiner Unfähigkeit, ihn zu lieben, spuckte mich der Ort eines Tages aus und meinte, ich sollte woanders hingehen und besser nicht zurückkehren.

 

Ich ging nach Barcelona und begann mich zu erholen, von der bedrückenden Einsamkeit des Andersseins, inmitten einer mir riesengross erscheinenden Stadt, in der alle anders waren. Da fiel ich nicht auf.

 

Langsam begann ich, meine Flügel auszubreiten, wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling. Fliegen traute ich mich noch lange nicht.

 

Manchmal denke ich an meinen verwunschenen Kindheitsort. Nicht nur, weil meine wunderbare jüngere Tochter immer noch dort lebt. Nicht nur, wenn ich mit meinen Eltern telefoniere, die anscheinend starke Lungen besitzen. Sondern auch dann, wenn ich mich frage, ob diese Geschichte, meine Geschichte mit diesem Ort, auch anders verlaufen hätte können.

 

Vielleicht wenn ich meine Zartheit erkannt und anerkannt hätte. Die Empfindsamkeit, mit der ich all die Eigenheiten dieses Ortes und seiner Menschen in mich aufsog. Vielleicht wenn ich mich gern gehabt hätte  in meiner Andersartigkeit, und den Mut gehabt hätte, meinen Neigungen, und dem was ich schön fand, nachzugehen. Jeden Tag.

 

In dieser neuen Variante meiner Geschichte beobachte ich mich dabei, wie ich den  Blick abwende von der Enge und der Hässlichkeit, die mich so unbarmherzig zu hypnotisieren versuchen,  und mich dem Schönen zuwende, dem, das mein Herz erfreut. Da steigen sie in meiner Erinnerung auf, meine Verbündeten – die Aulandschaft, der Buchenwald, der Frühlingsduft, und die Züge, die in die nahegelegenen Städte führen.

 

Ich tauche ein in die Erinnerung und sehe, wie ich mich leiten  lasse von der Frage „Wie kann ich jeden Tag mit Freude leben“ und stelle erstaunt fest, dass sie mich mit Menschen verbindet, mit denjenigen, die seltsame Gedanken und Gefühle haben und voller Fragen sind, so wie ich. Ich sehe wie die Personen, die auf alles Antworten haben, weniger wichtig werden, mit der Landschaft verschmelzen und mich weniger stören.

 

Wahrscheinlich wäre der Ort für mich und meine Frage irgendwann einmal zu klein geworden, weil es dort draussen noch mehr Fragen gab, die auf mich warteten.

 

Das Ergebnis wäre wahrscheinlich dasselbe gewesen. Der Ort hätte mich möglicherweise nicht ausspucken müssen. Ich hätte mich, Hand in Hand mit meiner Frage, freudig an seiner Zunge abgestossen und wäre hinausgesprungen in die weite Welt. Vielleicht sogar 20 Jahre früher. Aber das Ergebnis ist nunmal nicht das, was zählt. Genauso wenig wie der Ort. Und die Vergangenheit.

 

Was zählt ist, dass ich die Frage gefunden habe. Oder sie mich. Erst später, an einem anderen Ort. Wir haben uns beide sehr, sehr lange gesucht. Sie ist jetzt schon eine Weile bei mir und ich hätte gerne, dass sie noch länger bleibt.  Weil sie mein Leben bunt werden lässt und mich glücklich macht.

 

Ich werde sie jedoch nicht festhalten. Sie reist sehr gern und bleibt nicht gerne zu lange bei einem Menschen. Ich bin gespannt, auf welche Suche ich mich dann begeben werde. Und auch darauf, wohin die Reise der schönen Frage gehen wird.  Sie hat einmal erwähnt, dass sie das tiefe Bayern interessant findet, sehr interessant sogar.

Bist du vielleicht hochsensibel?

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Bist du lautem Lärm, grellem Licht oder starken Gerüchen gegenüber sehr sensibel?

Zieht dich Schönheit an – in der Kunst, der Natur oder die Schönheit der kleinen Dingen des Lebens?

Bemerkst du blitzschnell in welcher Gemütslage sich andere Menschen befinden?

Brauchst du regelmässige Auszeiten, um zu verhindern, dass dir alles zuviel wird?

Vielleicht besitzt du den Charakterzug, der „hochsensibel“ genannt wird – ungefähr 20 % der Bevölkerung besitzen diese Veranlagung.

Ungefähr 80% meiner KlienInnen sind hochsensibel. Ich habe mich trotzdem über längere Zeit geweigert, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, weil ich keine Etikettierungen mag. Letztendlich gab ich nach, weil ich zugeben muss, dass mein Leben um so viel leichter verlaufen hätte können, wenn ich früher um diese meine „Beschaffenheit“ gewusst hätte. Vor allem aber habe ich gesehen, dass meine KlientInnen viel schneller lernen, wenn ich ihnen dieses Thema vorstelle. Meistens ist eine sofortige Erleichterung sichtbar und sie beginnen sogleich, sich selbst mehr zu schätzen.

Ich habe festgestellt, dass hochsensible Menschen besonders von meiner Arbeit profitieren, weil sie sinnlich ist; d.h. meine KlientInnen nutzen alle Sinne, um sich und dem Leben auf die Spur zu kommen. Berührung ist ein wunderbares Werkzeug, um sich wieder so richtig wohl im Kçorper zufühlen, die Antennen auszufahren und das Nervensystem zu beruhigen.

Auch wenn es darum geht, innere und äussere Ressourcen wiederzufinden, um mit schwierigen Situationen umzugehen, sehe ich immer wieder, dass hochsensible Menschen sehr intuitiv und schnell lernen.

Das gefürchtete „Überlastet oder Überreizt sein“, das so natürlich erscheint bei unseren superfeinen Antennen und das so gut mit dem englischem „overwhelmed“ beschrieben wird, begreifen wir als ganzkörperliches Erlebnis, mit dem wir mit unterschiedlichen Werkzeugen begegnen. Es wird Schritt für Schritt etwas, das beinflussbar wird und verliert seinen Schrecken.

Verletzlichkeit und Sensibilität werden in unserer Gesellschaft nicht sehr geschätzt. Das führt dazu, dass einige sehr sensible Menschen sich selbst ablehnen und anders zu sein versuchen; so, wie es manche andere Menschen haben wollen und wie es besser zum Umfeld zu passen scheint. Zu lernen, Verletzlichkeit und Empfindsamkeit zu erlauben, erfordert sehr viel Mut, fühlt sich aber für viele hochsensible Menschen wie heimkommen an.

Falls dich dieser Text anspricht, würde ich mich über eine Nachricht von dir freuen. Du kannst auch auf die Seite der Psychologin Elaine Aron schauen, die den Begriff „High sensitivity“ geprägt hat. http://hsperson.com/

Hochsensibel in einer pulsierenden Stadt

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Ich arbeite seit vielen Jahren mit Menschen und helfe Ihnen dabei, das Leben mit Freude zu leben, die Freude wiederzufinden oder sie nicht zu verlieren – je nach Lebenssituation.

Barcelona, meine geliebte, bunte Stadt hat viel zur Beibehaltung meiner eigenen Lebensfreude beigetragen. Vor elf Jahren kam ich von einer österreichischen Kleinstadt direkt ins Zentrum von Barcelona.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, was es bedeutete, das erste Mal mit dem Fahrrad die Calle Balmes hinunterzufahren. Abgesehen von der Todesangst, die ich ausstand, waren meine sensiblen Ohren der Geräuschkulisse kaum gewachsen.

Mir kam es auch lange so vor, als ob hier alle Menschen schreien würden, sobald mehr als zrei von ihnen versammelt waren.

Der Lärmpegel, der Rythmus der Stadt und die abertausenden visuellen Eindrücke brachten mich manchmal an der Grenze meiner Belastbarkeit, obwohl ich die Stadt eigentlich unglaublich erfrischend, bunt und lebendig fand.

Vor drei Jahren stolperte ich über den Begriff “Hochsensibilität”, der von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron geprägt wurde. In ihrer Beschreibung der Menschen, die sie als “hochsensibel” bezeichnet, fand ich mich, meine Töchter und 80% meiner KlientInnen wieder.

Hohe Empfindsamkeit gegenüber starkem Licht, eindringlichen Gerüchen und lauten Geräuschen sind einige der von der Psychologin beschriebenen Eigenschaften von hochsensiblen Menschen.  Empathie, ein reiches Innenleben und die Vorliebe für Schönes, Natur und Kunst sind weitere Indizien für eine mögliche Hochsensibilität.  Laut Elaine Aron´s Forschung besitzen ungefähr 20% der Menschen, aber auch derselbe Prozentsatz anderer Lebewesen, diese Veranlagung,

Die Hündin meiner Tochter scheint die Bestätigung dieser Theorie zu sein. Die Dinge, die von ihr verlangt werden, versteht sie, bevor sie ausgesprochen werden und sie reagiert sofort darauf. Auf irgendeine Weise grob mit ihr umzugehen käme niemandem in den Sinn, weil sie klar zum Ausdruck bringt, dass sie damit nicht umgehen könnte.

Mit dieser für mich so neuen Information konnte ich viele Verhaltensweisen meiner KlientInnen, Töchter, FreundInnen – und nicht zuletzt auch meine eigenen – besser verstehen.

Mit einem Schlag war mir klar, warum ich immer die Erste war, die aus den belebten Bars flüchtete, obwohl es dort lustig war, warum ich immer in einer Wohnung neben einem Park gewohnt habe, und warum ich in der Natur und beim Singen aufblühte, ohne genau erklären zu können, warum eigentlich. Und auch dass ich mir manche Dinge mehr zu Herzen nahm als andere Menschen, erschien mir jetzt nicht mehr so seltsam.

In den letzten drei Jahren habe ich zu verstehen gelernt, dass Hochsensibilität ein Geschenk sein kann, wenn man lernt, damit umzugehen.

Barcelona ist ein wunderbarer Ort, auch für sehr sensible Menschen. Es gibt das “Bicing”, mit dem sich die überfüllte U-Bahn weitgehend vermeiden lässt. Naherholungsgebiete wie die “Collserola” machen es möglich, der Sinnesüberlastung der Großstadt auch ohne Auto zu entkommen. Und dann ist da ja noch das Meer gleich nebenan, um uns auf seine beruhigende Art daran zu erinnern, dass man an einem Ort wohnt, an dem andere nur Urlaub machen dürfen.

Seit einigen Jahren öffnen auch immer mehr Cafés, die zum Lesen oder einfach zum ruhigen Verweilen einladen.

Diese Oasen machen mich glücklich. Sie halten die Zeit an, und mit ihr den Stress, den Lärm, und all das, das manchmal zuviel werden kann.

Und da sitze ich dann und freue mich über die relative Stille, wenn auch nur für eine halbe Stunde. Dann bin ich wieder bereit, in den dichten Sinnesbombardierungsdschungel dort draussen einzutauchen.

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Die Menschen hier neigen doch wirklich zum Schreien, sobald sich mehr als zwei von ihnen auf einem Fleck befinden, oder?